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kultur ist unsere waffe
herta pammer preis 2003
Der Wien-Event zur Filmpräsentation
ein Konzept von Silvia
Santangelo Jura
Im project space der Kunsthalle Wien am Karlsplatz,
dem zeitgenössischen, urbanen Schaufenster, wird die Filmpräsentation
zur erlebten Begegnung verschiedener Welten. Menschen unterschiedlichster
Herkunft und sozialer Zugehörigkeit treffen aufeinander - (Zufall
oder Götterwink?) - und das bei Temperaturen wie in Rio.
2. Mai 2002, 19.00 project space Kunsthalle Wien am Karlsplatz
>Die Präsentation unter
dem Motto "Kultur ist unsere Waffe" in der Kunsthalle war aussergewöhnlich
gut besucht. Dabei sollte es aber nicht um trennenden oder folklorisierenden
Kulturalismus, sondern um die emanzipatorischen Möglichkeiten
von Kulturvermittlung gehen, wie auch Dona Ivete im Film betont: "Die
Kultur ist alles...sagst du Kultur, sagst du Haltung, Aussehen, Erziehung,
Selbstbewußtsein...Gesundheit, ja die Kultur ist alles!<
(Petra Hübl, www.ceiberweiber.at)
Am Programm - Acts &
Facts
19:00 Eröffnung
Gemeinschaftsinstallation "wiener favela" - wiener Jugendliche
präsentieren ihre Stadt + FotoMontage Marcelo Perrocco
Dance Performance Mario Mattiazzo
20:00 Filmpräsentation: Die Königinnen vom Salgueiro haben relative
Bürgerrechte
20:45 Publikumsdiskussion - Kultur ist unsere Waffe /Moderation Mirjam
Jessa & Julieta Rudich
22:00 urban brazilations by women in fusion: Célia Mara & Sweet
Susie visuals by phlip!t/McSHARK
1.Grundlage: die Aussage(n)
des Films
"Die Kultur ist in erster Linie eine Waffe zur Befreiung" sagt Januario
Garcia Filho, Direktor des afro-brasilianischen Museums und Kulturzentrums
José Bonifacio in Rio.
"Die Kultur ist alles- sagst du Kultur, sagst du Haltung, Aussehen, Erziehung,
Selbstbewusstsein- Gesundheit, ja die Kultur ist alles!" meint Dona Ivete,
Favelabewohnerin, Umbanda-Priesterin und Projektleiterin von Nika Jaina.
Sie verändert mit ihrer Kultur die Lebensbedingungen der Jugendlichen
in ihrer Gemeinde.
Mit der Präsentation unseres Dokumentarfilms wollen wir die im Film
angesprochenen Thematiken auch "live" erlebbar machen und einen Bezug
zu unserer, in Österreich gelebten Realität herstellen.
Kultur als Waffe, Improvisation als Lebensmotto, durch selbstständiges
Handeln das Leben verändern, das bewußte Erleben der eigenen
kulturellen Wurzeln und ihr Einsatz gegen Ausgrenzung, Unterdrückung,
Diskriminierung- das sind die Themen, die wir bei der Präsentation
durchspielen und inszenieren werden.
2. Fremde Kultur spüren
- die Umsetzung
2.1. Den Ort erleben
Der project space der Kunsthalle Wien am Karlsplatz bietet ideale Voraussetzungen.
Die Kunsthalle Wien am Karlsplatz wurde als temporärer Bau von Adolf
Krischanitz geplant und am 5. September 1992 eröffnet. Bis zur übersiedlung
der Kunsthalle Wien diente sie der Präsentation großer Ausstellungen.
Der gelbe Container ist mittlerweile zu einem Glaspavillon verkleinert
worden. Der von Adolf Krischanitz geplante Glaskubus ist die fixe Heimstätte
des bis dato vagabundierenden project space der Kunsthalle Wien. Bestehend
aus einem Ausstellungsraum mit ca. 250 m2 Fläche, einem Veranstaltungsraum
sowie einem Café/Restaurant ist der project space der Kunsthalle
Wien ein zeitgenössisches, urbanes Schaufenster für schnelle,
aktuelle Präsentationen zwischen Installation, Video und Performance.
So wie der U-Bahnbereich des Karlsplatz selbst ein Ort der Ausgegrenzten
inmitten einer reichen Gesellschaft ist, wollen wir im project space der
Kunsthalle Wien eine Atmosphäre schaffen, welche die Widersprüchlichkeit
der Gesellschaft symbolisiert und die angesprochenen Thematiken plakativ
darstellt.
Ausgehend von der Improvisationsfähigkeit der Favela-BewohnerInnen
- aus nichts Wohnraum zu schaffen, öffentliche Plätze in privaten
Raum zu verwandeln - wollen wir dieses Konzept auf die räumliche
und emotionale Gestaltung des project space der Kunsthalle Wien übertragen.
Der project space der Kunsthalle Wien wird zur Favela - die Menschen,
die sich dort aufhalten, werden einbezogen. Die Konfrontation der verschiedenen
Welten soll erlebt werden - Auswege müssen gefunden werden.
Favela - das wird als improvisierte Siedlung im urbanen Raum, als Ghetto
der Armut (und der Gaunerei) definiert. Der Begriff stammt aus Brasilien,
aus Rio de Janeiro, wo der erste Hügel, den man vom Hafen aus sehen
kann, der Hügel der "fava" ist - die "fava" ist ein Bohnengewächs,
das sich unkrautartig vermehrt - und den Menschen, befreiten und entlaufenen
Sklaven, die sich am Morro da Fava angesiedelt hatten und sich von diesen
Bohnen ernährten, zu einem höchst vorurteilsbeladenen Namen
verholfen hat: Favelados - die Besitzlosen Gauner, die sich unkrautartig
vermehren.
Heute wird Favelado gleichbedeutend mit Drogenhändler und Krimineller
eingesetzt, es dient als Schimpfwort für - vorwiegend dunkelhäutige
- Arbeitslose, Analphabeten, für die Armen. In Wien könnte "Favelado"
mit "Tschusch" übersetzt werden; aber auch Begriffe wie "afrikanischer
Drogendealer", "muslimischer Terrorist" , "illegaler Asylant" haben den
gleichen Stellenwert. Wenn Armut zu Ausgrenzung führt, wenn Hautfarbe
und Kultur zur Diskriminierung herangezogen werden, wenn die Angst Mauern
zwischen den Menschen aufbaut und keine Kommunikation mehr möglich
ist, wird soziale Spaltung erlebbar - die Konsequenzen liegen auf der
Hand: für die Ausgegrenzten bedeutet es tägliche Erniedrigung
- für die Ausgrenzenden tägliche Bedrohung.
2.2. Emotionale Abstraktion - Tanzperformance
von Mario Mattiazzo
In der Dokumentation geht es um Menschen - Menschen, die in Armut leben
und an Auswegen aus dieser Situation arbeiten. Kultur ist der gewählte
Weg zur Befreiung. Der brasilianische Tänzer und Choreograph Mario
Mattiazzo wird sich in einer kurzen - und intensiven Performance mit den
hier angesprochenen Thematiken auseinandersetzen. Mario Mattiazzo beeindruckt
durch seine kulturverbindene Körpersprache. Als klassischer Baletttänzer
in São Paulo ausgebildet, kennt er die Widersprüchlichkeit
der kulturellen Konzepte, die Brasilien beherrschen - europäisierte
Hochkultur versus afro-brasilianischer Volkskultur. Sein konzeptueller
Zugang ist geprägt durch seine Arbeit im zeitgenössischen und
modernen Tanz in Europa. Die Tanzfabrik Wien wurde 1994 von ihm gegründet,
seit 3 Jahren ist er Ensemblemitglied im Serapionstheater.
2.3. Gemeinschaftsinstallation "wiener favela"
- den Ort gestalten
Der project space der Kunsthalle Wien wird unter den oben angeführten
Gesichtspunkten von wiener Jugendlichen gestaltet. Eingeladen wurden SchülerInnen
der AHS Rahlgasse und Jugendliche des Vereins Echo. Sally Santangelo und
Mima Schwahn, fünfzehnjährige Gymnasiastinnen, jugendkulturbewegt
und künstlerisch engagiert werden die räumliche Inszenierung
leiten. Sally Santangelo hat den Dreharbeiten des Filmes in der Favela
beigewohnt. Die Freundschaften, die sie in den 3 Wochen am Morro do Salgueiro
gefunden hat, halfen ihr, sich ihr eigenes Bild der Lebensbedingungen
der afro-brasilianischen Kinder und Jugendlichen in der Favela zu schaffen
und dieses mit den österreichischen Verhältnissen in Beziehung
zu setzen. Mima Schwan-Reichmann, Tochter der Künstlerin Raja Schwahn-Reichmann,
wurde von klein auf mit dem "Anderssein" konfrontiert und hat sich damit
künstlerisch auseinandergesetzt - für beide Mädchen ist
die Installation die Möglichkeit, jugendliche Thematiken in einem
globalen Kontext zu präsentieren. SchülerInnen der AHS Rahlgasse,
5C sowie der AHS Stubenbastei und der HL f. Grafik, 1150 Wien, unter Leitung
von Prof. Sylvia Czauczer, werden den Themenbereich "Ausgegrenzte haben
relative Bürgerrechte" fotografisch umsetzen und in die räumliche
Inszenierung einfließen lassen. Künstlerisch engagierte Jugendliche
des Vereins Echo werden sich aktiv und mit überraschungseffekt an
der Installation beteiligen. Der Verein Echo, ein Jugend-, Kultur- und
Integrationsverein, der 1993 von Bülent öztoplu gegründet
wurde, ist hauptsächlich für Jugendliche der 2. Generation.
Er schafft eine soziokulturelle Plattform, wo sich die Jugendlichen artikulieren
und freiwillig in die Gesellschaft eingliedern können. Zielgruppe
sind vom gesellschaftlichen System benachteiligte Jugendliche im Alter
von 14 bis 23 Jahren, vorrangig der 2. Generation, aus ganz Wien.
2.4. Konkretisation: Kultur ist unsere Waffe -
Publikumsdiskussion
Anschließend an die Präsentation des Dokumentarfilms
"Die Königinnen vom Salgueiro haben relative Bürgerrechte" wird
eine Publikumsdiskussion zum Thema "Kultur ist meine Waffe" stattfinden.
Die thematischen Impulse, die der Film setzt, sollen für eine angeregte
Auseinandersetzung, welche eine Verbindung zwischen der brasilianischen
Situation und dem österreichischen, im besonderen dem wiener Alltag
herstellt, genützt werden. Kultur wird als Möglichkeit zur Selbstwertfindung
und zur aktiven Eingliederung in die Gesellschaft erlebt und dargestellt.
Gleichzeitig sollen auch die sogenannten unüberbrückbaren kulturellen
Unterschiede thematisiert werden, welche Ausgrenzung zur Folge haben.
Geleitet von den erfahrenen Journalistinnen Miriam Jessa (ö1 & ORF)
und Julieta Rudich (El Pais Korrespondentin) können die geladenen
Gäste direkt miteinander und mit dem Publikum kommunizieren - willkürliche
Grenzen wie Podium versus ZuhörerInnen werden aufgelöst. Silvia
Santangelo Jura, in ihrer Eigenschaft als Filmverantwortliche, Brasilienkennerin,
Ethnologin i.A. und Organisatorin von help4favelas, welche das Projekt
Nika Jaina unterstützt, und Célia Mara, brasilianische Künstlerin,
die aktiv am Kulturaustausch zwischen österreich und Brasilien arbeitet,
auch help4favelas Initiatorin ist, und die Filmmusik gemacht hat, stehen
für Hintergrundinformationen zur Verfügung.
2.5. Global handeln : Spenden für Nika Jaina
Selbstverständlich wird der Event von help4favelas - give
girls a chance genutzt, um Spenden für das im Film präsentierte
Projekt Nika Jaina zu sammeln - und diese der Caritas Auslandshilfe zur
überweisung nach Brasilien zu übergeben. Nika Jaina ist eine
Berufsausbildung für vorwiegend Mädchen zu Afro-Friseusen, Maniküren
und Pediküren, die in 6 monatigen Kursen abgehalten wird. Schwerpunktmäßig
wird die Selbstfindung - die Identitätsbildung gefördert. Es
ist eine Selbsthilfeinitiative von Frauen für Jugendliche, organisiert
von Dona Ivete. Für die Durchführung der Kurse stellte sie ihr
eigenes Haus als Ausbildungsraum zur Verfügung. Der Afro-Friseur-Salon
ist zum Symbol für die Veränderung in der Favela geworden -
er dient als Kultur-, Ausbildungs- und Sozialzentrum. Nika Jaina wird
in Brasilien von der "Capacitacao solidaria" (São Paulo) teilfinanziert
und der Caritas Rio logistisch unterstützt. In österreich stellen
help4favelas in Zusammenarbeit mit der Caritas Auslandshilfe zusätzliche
Geldmittel zur Verfügung. Ein Projekt der Associacão Espírita
São Sebastião do Salgueiro Projektleitung: Dona Ivete da
Silva Santos Beratung: Januario Garcia, Direktor des Zentrums für
Afro-brasilianische Kultur José Bonifacio, Rio de Janeiro.
3. Das Fremde auflösen
- urban brazilations
Célia Mara & Sweet Susie im social space
Der project space der Kunsthalle Wien am Karlsplatz ist nicht
nur Kunst- und Präsentationsraum, sondern auch social-space. Das
Café/Restaurant wird in das an die Filmpräsentation anschliessende
Get-Together eingebunden. Mit brasilianischen Drinks & Speisen wird auch
eine kulinarische Verbindung zu Brasilien hergestellt. Aber v.a. werden
Célia Mara und DJ Sweet Susie dort eine Performance zu einer globalen
urbanen Kultur liefern: Women in fusion. Célia Mara, deren Markenzeichen
ihr kreativer Umgang mit Elementen der brasilianischen Musiktradition
und deren Einbeziehung in europäisch verständliche Musikkonzepte
ist, hat in Sweet Susie ihr Counterpart im elektronischen und europäischen
Underground gefunden. Die beiden Frauen verbinden in ihren musikalischen
Performances die Widersprüchlichkeit der angeblichen Unvereinbarkeit
- brasilianische Stimme und Gitarre fliessen in harte Dub-grooves und
schaffen neuen Platz für Sinnlichkeit und Emotion. Célia Mara
wurde im Concerto-Poll zur besten Worldmusik-Künstlerin österreichs
gewählt - sie fasziniert ihr Publikum nicht nur mit Charakterstimme
und mitreissender Gitarre, sondern durch den vollen Einsatz für ihre
Musik. Unberechenbar, aber immer bestechend - grenzüberschreitend,
so könnte sie charakterisiert werden. Sweet Susie ist eine der drei
Begründerinnen und resident DJs im legendären Dub Club im wiener
Flex. Sie ist eine der ersten weiblichen DJs in Wien, konnte sich auch
schon international durchsetzen. Ihr Grooves spiegeln die globale Urbanität,
das Zusammenfliessen der verschiedensten (Welt)Kulturen. Women in fusion
- Célia Mara & Sweet Susie bringen mit ihren "urban brazilations"
ein neues Konzept in die Clubszene - die Personalisierung der globalen
Sounds findet statt.
konzept: © silvia santangelo jura
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