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( in Kürze gibt es hier eine Artikel -
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1. Themenkomplex:
Rassismus | Favelas | z.B. Morro do Salgueiro |
zusammengestellt von Mag. Silvia Santangelo
Jura
(in Verbindung mit Workshop nr. 1 und 4)
Ist
Brasilien rassistisch?
Das offizielle Brasilien ist erst 500 Jahre alt, seinen
Weg von der Kolonie über das Imperium zur Republik hat es erst im
19. Jahrhundert durchschritten.
Seine soziale Struktur wurzelt in der Sklavenhaltergesellschaft - in einem
von Hautfarben geprägten Bild von sozialen und wirtschaftlichen Kompetenzen
und den entsprechenden Aufgaben.
Noch in den 60er Jahren wurde Brasilien von der UNESCO als das positive
Beispiel für einen multi-ethnischen Staat hingestellt - das "Rassensystem"
Brasiliens sollte als Beispiel für das harmonische Zusammenleben
zwischen verschiedenen "Rassen" universelle Geltung erlangen.
Der Alltag Brasiliens spricht jedoch eine andere Sprache: In den Stellenangeboten
ist "gutes Aussehen" ein Bewerbungskriterium - und das bedeutet:
keine schwarze Hautfarbe zu haben. Eine gängige Redewendung, welche
nicht hinterfragt wird, bezieht sich auf "gutes Haar / schlechtes
Haar" - was gleichbedeutend mit glattem, weichen, europäischem
und gekraustem, harten Afro Haar zu verstehen ist. Die Liste ließe
sich endlos fortführen
Die Quintessenz ist jedoch in wenige Worte zu fassen: ein rassistisches
Denken, welches bis in die Institutionen verankert ist, prägt das
moderne Brasilien. Die dunkelhäutige brasilianische Bevölkerung
wird ob ihrer Hautfarbe, der damit verbundenen "Sklavengeschichte"
am unteren Ende der sozialen Hierarchie angesiedelt.
Sozialer Aufstieg ist an eine Übernahme "europäischer"
Werte und an einen Aufhellungsprozess der Hautfarbe (Mestizierung) gebunden.
Gleichzeitig wurden aber afro-brasilianische kulturelle Werte (wie Samba,
Karneval, Feijoada) zu brasilianischem Kulturgut - das Dilemma für
die dunkelhäutige Bevölkerung wird dadurch nur verschlimmert.
Identitätslosigkeit kennzeichnet daher die Mehrheit der dunkelhäutigen
Bevölkerung - was sich in 136 Farbabstufungen ausdrückt - niemand
will schwarz sein! ©silvia santangelo jura
¿Favela?
Gleich der erste Hügel hinter
dem Hafen von Rio ist der Morro da Favela.
Der Name kommt von "Fava". Die Fava ist ein bohnenartiges Gewächs,
welches sich - je mehr es gepflückt wird - unkrautartig vermehrt.
Bohnen waren die Basisnahrung der SklavInnen in Brasilien.
Die Bezeichnung Favela ist von "Bohnenessern" abgeleitet - und
bezieht sich auf städtische, arme Viertel, meist auf den Hügeln
von Rio, welche von den NachfahrInnen der Sklaven besiedelt wurden. Favela
ist daher schon per se eine negative Bedeutungskonstitution - Favelado
ist die Schimpfbezeichnung für die BewohnerInnen dieser Viertel.
In der 10 Millionenstadt Rio de Janeiro leben heute ca. 2 - 4 Millionen
Menschen in ca. 750 sogenannten Favelas. Die Zahlen sind nur ungenau erfasst
und variieren je nach Quelle.
Konjunkturbedingte Favelas
Man kann in Rio strukturelle und konjunkturbedingte Favelas unterscheiden.
Die konjunkturbedingten, welche im 20. Jahrhundert im Zuge der Globalisierung
und der verstärkten Landflucht entstanden sind, sind jene, die unserem
Begriff von Slums entsprechen. Dort siedeln sich arme Menschen in Pappkartons
und Wellblechverschlägen an und leben für eine begrenzte Zeit
unter unmenschlichen Bedingungen. In der Baixada fluminense, im Norden
Rios, gibt es z.B. die größte Siedlung von Leprakranken
Historisch - strukturelle Favelas
Rio de Janeiro, das im 19. und noch im 20. Jahrhundert Hauptstadt von
Brasilien war, hat auch jene Favelas, die "strukturell" genannt
werden - und eher dem Bild, das wir aus dem berühmten Film Orpheo
Negro kennen, entsprechen. Im Zuge der Abschaffung der Sklaverei (1888)
und der daraus resultierenden Migrationsbewegung wurden diese Siedlungen
von ehemaligen Sklaven, landlosen Indigenen und anderen Arbeitslosen gegründet.
Es sind dorfartige Gemeinden im Herzen der Stadt, auf den unwegsamen Hügeln
angesiedelt. Sie sind durch fehlende Infrastruktur, fehlende medizinische
Versorgung, fehlende Ausbildungsmöglichkeiten und große Improvisationskunst
ihrer BewohnerInnen gekennzeichnet.
Vor allem aber werden ihre BewohnerInnen als Gauner, Drogenhändler
und Prostituierte gefürchtet und diskriminiert. Es reicht, als Wohnadresse
eine Favela anzugeben (was bedeutet, dass man keine offizielle Straßenbezeichnung
angeben kann!) - und man ist von der Mehrheit der Arbeitsmöglichkeiten
ausgeschlossen.
Die strukturellen Favelas variieren in ihrer Größe von einigen
1000 BewohnerInnen bis hin zu Rocinha mit ihren 150.000 BewohnerInnen.
Aus diesen Favelas kommen auch die berühmten Sambaschulen Rio de
Janeiros, ja sogar der Samba selbst wurde dort entwickelt (Semba ist eine
angolanische Musikrichtung, der dem Samba als Vorlage diente)
©silvia santangelo jura
Morro do Salgueiro:
Favela - Quilombo oder einfach armes Wohnviertel?
Der Morro do Salgueiro zählt
zu den ältesten Favelas in Rio de Janeiro. Spätestens 1888,
mit der Abschaffung der Sklaverei, begann die Besiedelung durch Arbeitssuchende
- vorwiegend Brasilianer afrikanischer Abstammung. Heute leben ca. 6500
Menschen - vorwiegend Schwarze - dort.
Morro do Salgueiro
(Hügel
des Herrn Salgueiro, eines portugiesischen Grundbesitzers und Fabrikanten)
In der Zona Norte von Rio gelegen - mitten im bürgerlichen Bezirk
Tijuca. Allerdings ist der Weg zum Morro durch quer über die Straße
gelegte Kühlschränke gesperrt.
Der Salgueiro zählt heute zu den "besseren" Favelas, den
armen, städtischen Wohnbezirken. Es gibt ein notdürftiges Kanalisationsystem,
einen Fußball- und Versammlungsplatz und eine Volksschule mit knappen
200 Plätzen. Die Wasserversorgung funktioniert nicht, auch die Gesundheitsversorgung
fehlt.
Dokumentiert ist die Besiedelung des
Salgueiros seit 1885 - Dona Euzebia, Großmutter Dona Ivetes, war
eine der ersten Bewohnerinnen. Sie erzählt von den vielen Gärten,
den Obstbäumen und den improvisierten Häusern...
In den vergangenen 115 Jahren wurde langsam eine Grundlage aufgebaut:
aus den improvisierten Lehmhütten wurde improvisierte Rohbauten aus
Ziegeln, die Quelle wurde zum Gemeinschaftswaschplatz, aus der ländlichen
Subsistenzwirtschaft entwickelte sich die urbane Subsistenzwirtschaft
(Gelegenheits- und Hilfsarbeiten, Straßenhandel). Der (ersessene)
Landbesitz wurde informell anerkannt.
2002 sind die Verhältnisse nach wie vor prekär - infrastrukturelle
Mankos, medizinische Unterversorgung und v.a. Arbeitslosigkeit und der
fehlende Zugang zu Ausbildung kennzeichnen den Favela-Alltag.
Aber weggehen will niemand! Der Salgueiro ist "zu Hause" - ein
großes, soziales Netz - sichere Zuflucht von der Millionenstadt
Rio de Janeiro.
Viele BewohnerInnen des Salgueiro stehen zu ihrer afro-brasilianischen
Geschichte. Gewürdigt wird sie z.B. mit der Entdeckung des Quilombo
do Salgueiro - einer Anlehnung an die erste autonome Republik Brasiliens,
den Quilombo de Palmares, in dem zeitweise bis zu 150.000 freie Sklaven,
Indigene und Weiße in einer kommunitären Gesellschaftsform
lebten. (Ob und wie autoritär jedoch Zumbi in Palmares geherrscht
hatte, ist ein anderes Thema.)
Der Salgueiro ist stolz auf seine Sambatradition - die vereinigte Sambaschule
vom Salgueiro "Academicos do Salgueiro" feierte 2000 ihr 50
jähriges Bestehen, berühmte Sambistas vom Salgueiro haben schon
an den ersten Sambaschulenumzügen in Rio in den 20er Jahren teilgenommen.Aber
trotzdem - die BewohnerInnen des Salgueiros sind größtenteils
von der Teilnahme an der Sambaschule ausgeschlossen. ©silvia
santangelo jura
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